Kunstsammlung

Glaskunst: Facettenreiche Botschaften

Glas ist zunächst einmal Alltag und mit rund 9.000 Jahren Geschichte einer der ältesten Werkstoffe schlechthin. Bereits für jedes Kind erschliesst sich Form und Funktion der meisten aus Glas hergestellten Gegenstände mit einer großen Selbstverständlichkeit.

Doch Glas ist mehr als nützlich und dekorativ. Kunst aus Glas bedarf einer besonderen Begabung: der Fähigkeit, mit diesem amorphen Feststoff umzugehen, Ästhetik gleichsam wie Funktion in einem Werk zu verschmelzen, mit Lichtdurchlässigkeit zu spielen und das Farbspektrum sichtbar zu machen – also einen aussergewöhnlichen nonverbalen Ausdruck zu schaffen. Geheimnisvoll, dynamisch, kühl oder intim: Glaskunst hält facettenreiche Botschaften bereit.

Glaskunst, so wie wir sie heute kennen, etablierte sich ab den 50er Jahren des 20sten Jahrhunderts. In der legendären „Schmiede der Engel“ des Meisters der Glasbläserkunst, Egidio Costantini, in Murano wurden von zahlreichen zeitgenössischen Künstlern – darunter Jean Arp, Jean Cocteau, Max Ernst, Jean Lurçat und Pablo Picasso – Skizzen geschaffen, die von den besten Glasbläsern der Zeit in dreidimensionale Objekte umgesetzt wurden. Dieses schöpferische Engagement avancierte zu eben einer neuen Disziplin: Glaskunst.

Die hier gezeigten Abbildungen vereinen Werke aus der „Schmiede der Engel“, aus der in den 60er Jahren gleichsam in den USA als auch Europa aufgekommenen Studioglasbewegung sowie von einzelnen Ateliers. Sie sind Teil der Peter und Traudl Engelhorn Glaskunst-Sammlung, die in Lausanne (Schweiz) im „mudac“ Musée de design et d’arts appliqués contemporains beheimatet ist. Die Wurzeln der Sammlung liegen in den 60er Jahren mit der Aufnahme von 36 Kunstwerken aus der „Schmiede der Engel“. Heute umfasst Sie rund 550 Stücke von Künstlern, rund um den Globus zuhause, und wächst von Jahr zu Jahr weiter.

Der ausserordentlich vielseitige und facettenreiche Künstler Pablo Picasso betätigte sich nicht nur als Maler, sondern auch als Bildhauer, Grafiker und Keramiker. Auf Einladung der Mäzenin Peggy Guggenheim lernte Picasso 1954 den Betreiber der legendären Glashütte Fucina degli Angeli in Venedig, Egidio Costantini, kennen und war sofort von dessen Anliegen begeistert, mit Hilfe traditioneller Glasbläsertechnik moderne Kunst zu erzeugen. Einige seiner Entwürfe und Skizzen wurden von Costantini in Glas umgesetzt, darunter auch Stierdarstellungen.

Pablo Picasso (1881–1973) / Egidio Costantini (1912–2007), Toró, 1966
Glas massiv, geformt mit plastischen Aufschmelzungen, 22 × 21 × 10,5 cm, Fucina degli Angeli, 1/3 Ex.

»The Persistence of Memory« (»Die Beständigkeit der Erinnerung«, auch »Die zerrinnende Zeit«) ist eines der berühmtesten Gemälde des spanischen Surrealisten Salvador Dalí. Eine dreidimensionale Interpretation dieses Kunstwerks entstand 1970 erstmals als Skulpturenedition für die renommierte französische Kristallerie Daum.

Salvador Dalí (1904 –1989), Montre molle, 1970
Pâte de verre/Glaspaste, 105 × 50 × 25 cm, Daum 105/150 Ex.

Die nach einer Picasso-Skizze im Glasstudio von Egidio Costantini in Venedig entstandene Skulptur »Figura« demonstriert, wie aus der Zergliederung des Gegenstandes eine neue Realität hervorgeht: Eine Art Kalebasse aus goldfarbenem, transparentem Glas wird von einem gebogenen Glasstab in verschiedenen Blautönen bekrönt. Darauf befindet sich ein Gesicht.

Pablo Picasso (1881–1973) / Egidio Costantini (1912–2007), Figura, 1963
Glas, geblasen, mit plastischen Aufschmelzungen, 38 × 31,5 × 10 cm, Fucina degli Angeli studio originale

Als Dadaist und Surrealist, Wort- und Bildkünstler gehört Hans Arp zu den Pionieren der Moderne; seine Kunst der biomorphen, organisch gerundeten Formen ist so prägnant wie facettenreich. Arps Sinn für Witz und Leichtigkeit, für das Offene und Wandelbare kennzeichnet nicht nur sein Werk, sondern auch sein Arbeiten: Spielerisch schnitt oder riss er Formen aus Papier und entwickelte aus diesem Fundus Collagen, Reliefs und Skulpturen in unterschiedlichsten Materialien. Mit den drei Grazien wird seit der klassisch-griechischen Antike der weiblichen Schönheit gehuldigt, bietet dieses Motiv doch die Möglichkeit, den weiblichen Körper allseitig dem Betrachterblick zu präsentieren.

Hans Arp (1886 –1966) / Egidio Costantini (1912–2007), Les Trois Grâces, 1962
Glas, heißgeformt und poliert, 63 × 12 × 12 cm, Fucina degli Angeli, Einzelstück

Franz Xaver Höller gilt international als einer der besten Glaskünstler. Aus dem Bayerischen Wald stammend, ist er mit Glas früh in Kontakt gekommen und mit den Eigenschaften des Materials bestens vertraut. Seine minimalistischen Formen entlehnt er oft dem traditionellen Gebrauchsglas, aber die Werke selbst sind autonom. Die von ihm bevorzugten schlichten Formen zielen auf die psychologische Wirkung des Kunstwerks. Dieses versteht sich als Zusammenspiel verschiedener Sinnebenen.

Franz Xaver Höller (*1950), Polare Ordnung, 1984
Glas, gegossen, geschliffen, partiell poliert und graviert, 6 × 62 × 42 cm

Bis zu ihrem tragischen frühen Unfalltod 1983 zählte die in Berlin geborene Bildhauerin Jutta Cuny-Franz zu den bedeutendsten Künstlerinnen Europas, die mit Glas arbeiteten. Seit Mitte der 1970er Jahre schuf sie daraus einzigartige Kunstwerke: In dicke, massive Industrieglasplatten und -blöcke modellierte sie mit dem Sandstrahl vielfältige Bildwerke. Damit bewies sie aufregend neuartige Gestaltungsmöglichkeiten für Glas, die bis heute noch nicht vollkommen ausgeschöpft sind.

Jutta Cuny-Franz (1940 –1983), Semper virens, 1981
Glasplatten, geschichtet und sandgestrahlt, 30 × 30 × 30 cm

Flache, unregelmässige Facetten bilden die kristalline Form des Objekts, in ihnen spiegelt und reflektiert sich seine strukturierte Basis. Kleine »Pyramiden« dieser Art schuf George Thompson mehrfach, ihre Gestaltung offenbart vor allem die Brillanz des Glases. Spannungsreich ist dabei auch der Kontrast zwischen den klaren, glatten und den strukturierten Flächen. George Thompson, der unter anderem an der Universität von Minnesota Architektur studiert hatte, kam 1936 zu Steuben Glass. Dort blieb der Designer bis 1975. Hauptsächlich entwarf er luxuriöse Gebrauchsartikel, die der neuen Ausrichtung der Glasfirma in den 30er Jahren entsprachen.

George Thompson (Daten unbekannt), Pyramidon, 1969
Bleikristall, gegossen, geschliffen und poliert, 18 × 11,5 × 12 cm, Steuben Glass, Einzelstück

Der in Pittsburgh geborene Glaskünstler David Dowler nimmt einen herausragenden Platz unter allen amerikanischen Glaskünstlern ein. Er sagte einmal, er habe erst dann etwas erreicht, wenn man beim Anblick seiner Werke feststelle, man hätte niemals gedacht, derartige Dinge in Glas ausgeführt zu sehen. Dies gilt auch für seine Pyramide: Makellos klar, elegant, geschliffen und poliert präsentiert sich das komplett in Handarbeit erstellte Werk nach seinem Entwurf. Der Blick wandert fasziniert über die Oberfläche. Bis ins Zentrum verblüfft die atemberaubende Reinheit des Kristallglases.

David Dowler (*1944), Pyramid, 1977
Bleikristall, gegossen, geschnitten, poliert und graviert, 23 × 31 × 31 cm, Steuben Glass, 7/30 Ex.

Leidenschaft bestimmt den kreativen Prozess des schottischen Künstlers Eric Hilton, der 1971 in die USA kam und kurze Zeit später bei Steuben Glass zu arbeiten begann. Dort wurden seine extravaganten Entwürfe umgesetzt, bei denen das besondere Augenmerk auf der Bearbeitung liegt. Formgeben, Ätzen, Schneiden und Sandstrahlen sowie anschließendes Polieren sind für ihn Prozesse, die er mit der stufenweisen Anlage eines Gemäldes vergleicht.

Eric Hilton (*1937), Point of Departure, 1981
Bleikristall, gegossen, geschliffen, poliert und graviert, 23 × 14 × 14 cm, Steuben Glass, Einzelstück